Zugegeben, diese Frage hat einen Bart: Warum kaufen wir einen Becher, in dem Joghurt mit 30 Tagen Haltbarkeit verpackt ist, während das Gefäß erst nach Jahrhunderten zu Mikroplastik zerfällt? Antwort: Weil es so schön bequem und fossiles Öl als Ausgangsstoff bisher unschlagbar billig ist. Die Klimakrise kommt zu schleichend, um den Ottonormalverbraucher und die Plastikindustrie von ihren Gewohnheiten abzubringen. Dabei könnte man den Becher auch aus Polymilchsäure (PLA) auf Basis nachnachwachsender Rohstoffe herstellen – Danone hatte so einen für Activia bereits erfolgreich auf dem Markt. Aber der große Durchbruch blieb bislang aus – siehe oben.

Der Krieg im nahen und mittleren Osten führt nun aber allen vor Augen, wie abhängig wir vom fossilen Öl tatsächlich sind. Wir hängen daran wie der Junkie an der Nadel. Wenn schon die Klimakrise nicht ausreichte, vielleicht spült jetzt die aktuelle Ölkrise real existierende Alternativen an die Wahrnehmungs-Oberfläche. In der Straße von Hormus hängen auch viele Frachter mit Stickstoffdünger fest, auf den vor allem Indien dringend wartet. Ammoniak wird hauptsächlich aus fossilem Erdgas mit dem antiquierten (weil wenig energieeffizienten) Haber-Bosch-Verfahren hergestellt. Die biologische Stickstofffixierung betreiben Bakterien wie zum Beispiel Rhizobien seit Urzeiten – man denke nur an Ackerbohnen oder Speiseerbsen, in deren Wurzeln die kleinen Helferlein den Ammoniak für die Pflanze produzieren. Da liegt es doch nahe, in der Zukunft auf elektro-biotechnologische Systeme zu setzen, die Luftstickstoff mit Hilfe von Solarstrom in Ammoniak umwandeln. In der Übergangszeit kann man Haber-Bosch auch mit „grünem Wasserstoff“ auf Basis von Sonnen- oder Windenergie weiterbetreiben. Alles besser als fossiles Erdgas – sowohl klima- als auch geopolitisch.

Punktuell setzt das Umdenken ein, wie ein Beispiel aus Großbritannien zeigt. Die Regierung zahlt der Firma Ensus UK umgerechnet rund 115 Mio. Euro, um eine aufgrund der Trump-Zölle erst im vorigen Herbst stillgelegte Bioethanolfabrik im nordenglischen Teesside so schnell wie möglich wieder anzufahren. Sie hat dabei auch das als Nebenprodukt anfallende „grüne CO2“ im Blick: Das Werke stärke die Resilienz der nationalen Lieferketten und gewährleiste die Versorgungssicherheit nachgelagerter Industrien. Das sollte man vor allem in Deutschland aufmerksam verfolgen, denn Ensus UK Ltd. ist eine Tochtergesellschaft von CropEnergies AG, die wiederum zur deutschen Südzucker AG gehört. Aufgrund ihrer biotechnologischen Aktivitäten gehört Südzucker zu den Portfolio-Unternehmen der BIOCOM AG.

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