An der Börse ist aktuell zu sehen, dass sich hierzulande wieder oder immer noch unternehmerisches Wollen zeigt: Übernahmepläne, Investitionen und Rationalisierungen im großen Stil. Bei fünf Manövern fällt aber auf, dass letztlich der Kern des Ganzen kaum benannt wird – und steht doch wie der sprichwörtliche Elefant im Raum.

Manöver 1: Kürzlich wurde lanciert, dass die BASF vorsichtig ein Übernahmeinteresse am lokalen Kollegen Evonik auslotet. Gespräche sollen laufen. Was aber will der weitgehend fossilbasierte Weltkonzern überhaupt damit? Stärkung der Spezialchemie wird genannt und die üblichen Kosteneinsparungen. Könnte es in Wirklichkeit nicht eher darum gehen, die beachtlichen Kompetenzen von Evonik in der industriellen Biotechnologie zu kaufen? Die BASF könnte sich so unauffällig auf die kommende Zeit vorbereiten, wenn es mit den klassischen petrochemischen Synthesen nicht mehr so läuft. Biotechnologische Fermentations- und Aufarbeitungsverfahren werden in der postfossilen Chemie eine entscheidende Rolle spielen. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf ergibt das Übernahmemanöver auf einmal Sinn.

Manöver 2: Die Merck KGaA in Darmstadt hat angekündigt, die britische Silence Therapeutics Plc für eine knappe Milliarde Euro übernehmen zu wollen. Damit wolle man seine Kompetenzen erweitern, um mehr Menschen mit seltenen Erkrankungen zielgerichtete Behandlungsoptionen anbieten zu können. Dass es sich bei Silence Therapeutics um ein klassisches Biotechnologieunternehmen handelt, wissen hierzulande wenigstens die Berliner, denn dort haben die Engländer im Stadtteil Buch eine Tochtergesellschaft. Außerdem hat Merck erst kürzlich das US-Unternehmen Bio-Techne Corporation sowie zuvor SpringWorks Therapeutics Inc. übernommen – letzteres ein biopharmazeutischer Krebsspezialist. Damit wird auch Merck immer biotechnologischer, auch wenn dieser Begriff an den Kapitalmärkten kaum auftaucht.

Manöver 3: Sehr defensiv mutet an, dass der Schweizer Pharmariese Roche sämtliche Investitionen in Deutschland auf Eis gelegt hat – man sei wegen der Sparmaßnahmen im deutschen Gesundheitswesen irritiert. Ausgenommen sei jedoch der bereits laufende Ausbau des Standortes Penzberg, für den 600 Mio. aufgewendet werden. Wer weiß heute schon noch, dass Penzberg mit der Übernahme des deutschen Pharmakonzerns Boehringer Mannheim im Jahr 1997 in das Roche-Reich kam und bis heute als biotechnologisches Kompetenzzentrum gilt? Bei dieser Schlüsseltechnologie will man wohl lieber nicht sparen.

Manöver 4: Der französische Pharmakonzern Sanofi SA hat den ersten Spatenstich für eine neue, zwei Milliarden Euro teure Produktionsanlage für Humaninsulin in Frankfurt/Main zelebriert. Für den Standort ist das erfreulich und ein Dejavu. Denn in den frühen 80er Jahren errichtete und betrieb die Hoechst AG dort eine der ersten biotechnologischen Industrieanlagen für Insulin. Damals war Hoechst das größte Pharmaunternehmen der Welt und der riesige Bioreaktor heftig umstritten. Nach allerlei Fusionen und Spaltungen vermeintlich im Namen des Shareholder Values landete ein bedeutender Rest von Hoechst im heutigen Sanofi-Konzern, der dem Standort seither die Treue hält. Soweit, so gut – doch wer weiß schon, dass nahezu sämtliches Insulin der Welt heute biotechnisch hergestellt wird? Heute zählt eher die strategische Unabhängigkeit von China.

Manöver 5: Auch bei der jüngsten M&A-Volte wieder das gleiche Spiel: Der Finanzinvestor EQT möchte die deutsch-niederländische Qiagen N.V. übernehmen. Das Objekt der Begierde wird in der Presse als „Labordienstleister und Diagnostikkonzern“ beschrieben – dabei ist die Mitte der 80er Jahre in Düsseldorf gegründete Firma schon immer ein reines Biotechnologieunternehmen und als solches auch jahrzehntelang ein Star der hiesigen Biotech-Branche.

Man sieht, die Biotechnologie ist der entscheidende Baustein für viele erfolgreiche und nachhaltige Geschäfte. Im Pharmasektor hat sie sich durchgesetzt und scheint kaum noch eine Erwähnung wert zu sein, obwohl Biotechnik als Blaupause und gutes Erfolgsmuster etwa für die Chemie-, Ernährungs- und Energiebranchen dienen sollte. Denn die planetare Uhr tickt…

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