Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein – dichtete und sang einst Reinhard May. Sofern nicht Drohnen damit gemeint sind, ist es mit der Freiheit in der Luft nicht mehr weit her. Die Kriege in der Ukraine und im Mittleren Osten gefährden die Versorgung mit Kerosin weltweit. Russland als 2024 zweitgrößer Ölexporteur der Welt hat schon die Ausfuhr von Kerosin untersagt und prüft, ob es westliches Kerosin mit leicht anderen Eigenschaften bei sich zulassen soll – ein Erfolg der Ukraine. In der südlichen Hemisphäre drohen ernste Engpässe, falls die Straße von Hormus länger als bis Ende Juni unpassierbar bleibt. In Europa ist die Lage noch vergleichsweise entspannt, weil wir kaum Kerosin aus nahöstlichem Öl importieren.
Es mussten also erst Kriege ausbrechen, bevor die fatale Abhängig auch der Luftfahrtbranche vom fossilen Öl ins Bewusstsein der Öffentlichkeit sickerte – die längst begonnene Klimakatastrophe hatte dafür offenbar nicht gereicht. Dabei sah es vor gar nicht so langer Zeit hoffnungsfroh so aus, als wenn eine biologische Alternative im Kommen sei: Algenkerosin! Der Ölkonzern Shell warb um 2010 in einer Imagekampagne intensiv dafür (ich erinnere mich an tolle riesige Leuchtwerbungen in einer Fußgängerunterführung auf dem Flughafen Brüssel), EADS prophezeite für 2030 einen signifikanten Anteil von Algenkraftstoffen an den Sustainable Aviation Fuels (SAF). Die Lufthansa testete 2011 auf 1.187 Linienflügen Algenkerosin erfolgreich – jeweils ein Motor wurde mit fossilem Kerosin und der andere mit Biokraftstoffen angetrieben. Warum wurde aus alledem nichts?
Kurz: Die Kosten der noch nicht ausgereiften Bio-Technologie waren zu hoch oder andersherum, das sprudelnde fossile Öl war zu billig. Klimaschutz zog auch nicht genug. Die in den USA bei der Entwicklung von Algenkerosin führende Firma Viridos – gegründet und geleitet von Craig Venter höchstselbst – meldete 2025 Insolvenz an. Und heute: Immerhin arbeiten in der DACH-Region Forschungsverbünde wie ALFAFUELS, SusAlgaeFuel oder ALGAESOL an der Skalierung. Die Vision von nachhaltigen SAFs auf Basis von Mikroalgen ist also immer noch lebendig. Vielleicht wird die Freiheit über den Wolken ja doch noch mal grenzenlos.
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